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Die Chance, auch mit Diabetes lebenstüchtig zu sein.
DiabetikerSelbsthilfe-Report
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2.1 Die genetische Anlage

Auf die Frage: " Was ist die Ursache des Diabetes?" geben
medizinische Lehrbücher eine zunächst einfache und klare
Antwort: "Der Diabetes mellitus beruht auf absolutem oder
relativem Insulinmangel. " Daraus ergibt sich natürlich die
Frage: " Was ist die Ursache des absoluten oder relativen
Insulinmangels." Auch hier erhält man eine Antwort." Die
Betazellen der Bauchspeicheldrüße gehen zugrunde, die
Insulinproduktion versiegt. Hieraus ergibt sich wiederum die
Frage: " Was ist die Ursache für das Zugrundegehen der
Betazellen der Bauchspeicheldrüse?" Auf diese Frage erhält man
zunächst von der medizinischen Seite keine 'Antwort mehr. Nur
die Genetiker machen die Aussage: " Es ist Vererbung im Spiel."
Auf die Fragen: "Auf welche Weise schaltet die Erbanlage die
Betazellen aus? Welche Faktoren bestimmen den Zeitpunkt, zu dem
das geschieht?" gibt es noch keine Antwort. Es ist also gar
nicht so verwunderlich, wenn z.b. Professor Zevine sagt: " Über
die wahre Ursache des Diabetes wissen wir nichts."

Um zunächst eine Antwort auf die Frage zu finden: "Ist Diabetes
mellitus überhaupt erblich oder nicht?" muß man unterscheiden
zwischen dem sogenannten symptomatischen Diabetes, wie er bei
der chronischen Pankreatitis oder gewissen Tumoren des
Hypothalamus vorkommmen kann und dem echten genuinen Diabetes.

Es versteht sich von selbst, daß ein Diabetes hervorgerufen
durch Unfall oder Kriegsverletzung, bei der mehr als neun
Zehntel der Bauchspeicheldrüße zerstört wurden, oder
hervorgerufen durch Gifte wie z. B. Alloxan nicht vererbt wird.

Pinkus und White stellten zum ersten Mal eine statistisch
signifikante familiäre Häufung diabetischer Erkrankungen fest.
Der Aufklärung des Erbgagens stellten sich jedoch erhebliche
Schwierigkeiten entgegen.

Man könnte meinen, daß bei einer so häufigen Krankheit, wie dem
Diabetes mellitus, der Erbgang sicher leicht aufzuklären sei.
jedoch genau das Gegenteil ist der Fall. Bei einer sehr
seltenen Krankheit ist es relativ einfach, die Erblinie der
Krankheit durch viele Geschlechter hindurch eindeutig zu
verfolgen. Gerade die Häufigkeit des Diabetes erschwert die
Aufklärung des Erbganges.

Eines weiß man jedoch sicher, nämlich daß nicht die Krankheit
selbst sondern nur die diabetische Anlage vererbt wird. Die
Tatsache, daß die vererbte Anlage nicht unbedingt als Krankheit
sich manifestieren muß, stellt natürlich ein weiteres Hemmnis
dar, da sich der Erforschung des Erbgangnes der diabetischen
Anlage entgegenstellt.

Die Schwierigkeiten, welche die Aufklärung des Erbganges der
diabetischen Anlage erschweren, spiegeln sich wider in den
widersprüchlichen Aussagen verschidener Autoren:

Einen rezessiven Erbgang mit unilokulärer Anordnung des
entsprechenden Gens nehmen an:

Pinkus und White (a)

Allen / Allen, W.: Ann.Int. Med. 6 (1953) 1272 - 1274/

Nilson / Nilsson, S.E.: Act. Genet. 14 (1964) 96-110/

Post / Post, R. H.: Amer. J. Human genet. 11 (1962) 56-65/

Steinberg u. Mitarb. / Steinberg. G. A.,R. Wilder: Amer. J.
Human Genet. 4 (1952) 113-135/

Eine unregelmäßige Dominanz nimmt an:

Günther / Günther, O.: Internis 4 (1963) 374 - 384/

Einen dominanten Erbgang nimmt an:

Levit u. Mitarb. /Levit, S. G., M. L. Pesikova: Proc. M.
Gorkey Med. Biol. Inst. 3 (1934) 132-147/

v. Kries / von Kries, J.: Z. Menschl. Vererb.-u. Konstit.-
Lehre 31 (1953) 406-430/

Lawrence /Lawrence, R. D.: The Chances of Morbid Inheritance.
Blacker London 1934/

Pavel u. Mitarb. /Pavel, I., R. Pieptea: Diabetologia 4
(1968) 358 - 364/

Einen multifaktoriellen Erbgang nehmen an:

Neel u. Mitarb. /Neel, S. E., S. S. Fajans, J. W. Conn,
R. T. Davidson: Diabetes mellitus
In: Genetics and Epidemiology of Chronic
Diseases. U. S. Public Health Serv. Publ.
Bd. 1163 (1963) 105/

Simpson / Simpson, N. E. Diabetes 13 (1964) 462 - 471/

Angesichts derart widersprüchlicher Aussagen könnte man
versucht sein mit Goethe zu sagen. "Hier steh 'ich nun ich
armer Tor und bin so klug als wie zuvor." Trotzdem ist an der
Bedeutung der Erbeinflüsse nicht zu zweifeln. Sie wurde vor
allem durch die Zwillingsforschung gesichert. Sie ließ
erkennen, daß bei eineiigen Zwillingen, die ja gleiches Erbgut
haben, konkordates Verhalten, d.h. die Erkrankung beider
Partner, viereinhalbmal größer ist als bei zweieiigen
Zwillingen, die im Prinzip Geschwister gleichen Alters und
somit Personen mit verschiedenem Erbgut sind.

Die Tatsache, daß sich auch bei eineiigen Zwillingen, Personen
mit gleichem Erbgut, ein nicht unerheblicher Teil diskordant
verhält, weist darauf hin, daß eben nicht die Krankheit als
solche, sondern die Disposition dazu vererbt wird. Dies zeigt
auch gleichzeitig, welche Bedeutung Einflüsse haben, die der
Umwelt entstammen. Dies weist somit darauf hin, daß es
Umweltfaktoren geben muß, die bei dazu disponierten Personen
den Diabetes manifest werden lassen.

Da auffällt, daß der jeweilige Diabetestyp, nämlich
Altersdiabetes oder juveniler Diabetes innerhalb einer
Blutsverwandtschaft gehäuft vorkommt, nimmt man heute
hypothetisch an, daß der Diabetes mellitus genetisch heterogen
ist. Diese Hypothese wird damit begründet, daß man häufig unter
Geschwistern jugendlicher Diabetiker den typischen
Insulinmangeldiabetes mit abrupter Manifestation findet,
während man den typischen Altersdiabetes häufig bei
Blutsverwandten findet, die an Erwachsenendiabetes mit
schleichender Manifestation erkrankt sind. Dies würde bedeuten,
daß man die beiden Diabetestypen gewissermaßen als zwei
verschiedene, unabhängig voneinander vererbbare Krankheiten
auffassen müßte. Einige Autoren nehmen an, daß der Erbgang des
Diabetes vom Alterstyp dominant ist, während der Erbgang der
Anlage zum juvenilen Diabetes als rezessiv anzusehen wäre. Dies
würde auch eine Erklärung für die gegensätzlichen Ansichten der
einzelnen Autoren bezüglich des Erbganges der diabetischen
Anlage abgeben.

Vor allem Köberling / Köberling J.: Diabetologia 6 (1969) 392 -
396/ spricht sich für die Hypothese aus, es könnte sich bei den
beiden verschiedenen Diabetestypen um zwei genetisch
verschiedene Krankheiten handeln. Er stellte Untersuchungen an
und fand bei den Geschwistern von juvenilen Diabetikern eine
signifikante Häufung dieses Diabetestypes. Als Kontrollgruppe
benutzte er die Kinder von Altersdiabetikern und stellte fest,
daß bei diesen der juvenile Diabetes mellitus kaum häufiger war
als bei der übrigen Bevölkerung.

Köberling stellte ferner vergleichende Untersuchungen über die
Diabetesbelastung bei Geschwistern und Kindern von
Erwachsenendiabetikern an. Er fand eine nahezu gleiche
Häufigkeit des Diabetes mellitus bei Eltern und Geschwistern
von Diabetikern. Er wies darauf hin, daß bei rezessiver
Vererbung und einer Häufigkeit von 5 % vermutlich 22 % der
Kinder und 37% der Geschwister von Diabetikern homozygot
betroffen wären und schloß deshalb, auf eine unregelmäßige
dominante Vererbung, d.h. die Anlage zum Diabetes des
Alterstyps muß nicht homozybot vorhanden sein, damit es zur
Manifestation eines Diabetes kommt. Die heterozygot vorhandene
Anlage besitzt jedoch keine 100 %ige "Durchschlagskraft" m.a.W.
keine absolute Dominanz. Sie muß nicht in jedem Fall zur
Manifestation führen, denn sonst müßte die Häufigkeit des
Diabetes mellitus bei Eltern und Kindern genau gleich sein. Für
die Annahme eines dominanten Erbganges der Diabetesanlage zum
Alterstyp spricht ferner eine Untersuchung von Köberling und
Mitarbeiter, bei der, unter Anwendung des oralen
Glucosetoleranztestes, bei Geschwistern von
Erwachsenendiabetikern eine Belastungsziffer von ca. 50%
ermittelt wurde.

Nach Ansicht Köberlings dürfte am Erwachsenendiabetes ein
dominanter Gendeffekt beteiligt sein, während bei juvenilem
Insulinmangeldiabetes möglicherweise Rezessivität eine Rolle
spielt.

Literatur:

Secundärliteratur (3) (5)

Primärliteratur:

(a) Pinkus, G.,P. White Amer. J. med Sci. 186 (1933) 1-14

sonst. Primärliteratur siehe Text.


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