Bücherei
Regal 1
Durch die Einführung der im
voausgegangenen
Kapitel
kurz
angeschnittenen Insulintherapie wurde dem Coma
diabeticum
sein Schrecken genommen. Eine
Gegenüberstellung
der
unmittelbaren Todesursache bei
Diabetes mellitus aus dem Jahre
1898
und 1957
nach Joslin zeigt, daß in diesem Zeitraum
der
Prozentsatz
der
im Coma diabeticum gestorbenen Diabetiker von
63,8
%
auf 1,1 % gesunken ist. Im selben
Zeitraum stieg der
Prozentsatz
der an den direkten Folgen
diabetischer
Gefäßveränderungen
verstorbenen Patienten von 17,5 % auf 77,1%
Dies zeigt, daß durch die
Einführung der
Insulintherapie
das
Coma diabeticum als Haupttodesursache von den
diabetischen
Gefäßveränderungen, die vor der
Insulinära
kaum beobachtet
wurden, abgelöst worden ist.
Man unterscheidet in der Medizin
zwischen
der
diabetischen
Makroangiopathie, welche im histologischen Bild
weitgehend
identisch mit arteriosklerotischen
Gefäßveränderungen
des
Nichtdiabetikers ist und der diabetischen
Microangiopathie,
die
die Kapillargefäße betrifft und die
in
dieser
Form nur beim
Diabetiker vorkommt.
Der Unterschied zwischen der
diabetischen
Makroangiopathie
ist weniger ein struktureller als
vielmehr ein
statistischer,
d.h.
arteriosklerotische
Gefäßläsionen,
vom
Nichtmediziner als
Arterienverkalkung bezeichnet, treten beim
Diabetiker
um ca. 10 bis 20 Jahre früher
und etwa 10 - 20 mal
häufiger
auf als beim Nichtdiabetiker.
Die diabetische Microangiopathie manifestiert sich zunächst als sogenannte Retionpathie. Etwa 25% aller Diabetiker weisen eine solche Retinopathie auf. Sie kann im Endstadium zur Erblindung führen. Die diabetische Microangiopathie führt jedoch auch zu Läsionen der Haargefäße der Niere. Dies wird als Nephropathie bezeichnet. Dies kann schließlich zum Nierenversagen führen.
Unter dem Begriff diabetische
Neuropathie
faßt
man
in der
Medizin viele klinische Symptome zusammen. Der
interessierte
Leser möge dies in (3) S. 134 - 159 oder an
anderer
Stelle
nachlesen, denn es ist nicht Sinn dieser Arbeit,
alle
diese
klinischen Symptome zu schildern. Ich
möchte
mich
hier vielmehr mit der Frage
auseinandersetzen, gibt es eine
Chance,
diese Gefäßläsionen
hinauszuzögern
oder
handelt es sich um eine schicksalhafte
Entwicklung, die einzig und
allein
von
der Dauer eines bestehenden Diabetes
abhängt?
Man ist
heute im allgemeinen der Ansicht,
daß
durch
eine gute
Stoffwechselführung das diabetische
Spätsyndrom,
wenn auch
nicht verhindert so doch seine Ausbildung
verzögert
werden
kann.
In diesem Zusammenhang halte ich
besonders
die
Tatsache
erwähnenswert, daß im Tierexperiment
nach
Pankreasextirpation und dadurch
hervorgerufenem Diabetes,
Gefäßveränderungen beobachtet
wurden. Dies beweist nämlich,
daß
der Diabetes die
Ursache
für die Ausbildung der diabetischen
Spätschäden
ist und dass es
sich eben nicht so verhält, daß
diabetische Gefäßveränderung
wie früher
teilweise
angenommen die Ursache
des
Diabetes sind. (6)
Wenn es nun aber möglich ist, durch
Auslösen
eines Diabetes
Gefäßveränderungen
hervorzurufen,
so
kann durch Bekämpfung der Ursache
Diabetes die Ausbildung diabetischer
Spätschäden verhindert
oder doch verzögert werden,
während
dies im umgekehrten Fall zumindest
heute nicht
möglich
wäre,
da keine kausale Therapie bei
vorhandenen diabetischen
Gefäßschäden
in der Medizin existiert.
Die Behandlung der Angiopathia diabetica muß sich aus diesem Grund auf eine Prophylaxe, d.h. auf Vorbeugemaßnahmen besonders konzentrieren.
Daß diese Prophylaxe eine
Berechtigung hat
zeigt
eine
Untersuchung nach Mc. Langhlin. Danach finden
sich
bei
Diabetikern mit schlechter
Stoffwechselführung
dreimal
häufiger akrale Läsionen
als bei gut eingestellten
Patienten.
Wie eine solche, die Lebenschancen des Diabetikers erhöhende, gute Einstellung aussehen sollte, wird mich in den folgenden Kapiteln beschäftigen.
Literatur: (6)
Bd. I S. 251 - 252
(3)